In der DDR galt er als ausgestorben. Anfang des Jahrtausends stand er in Thüringen noch als bedrohte Art auf der roten Liste. In Jena wird nun ein Schornstein, an dem er nistet, abgerissen. Doch wie kam es dazu, dass die Bestände von Wanderfalken in Thüringen wieder auf über 50 Brutpaare angewachsen konnten?

Der Name des Wanderfalken (Falco peregrinus) geht auf seine weite Verbreitung und das Ansiedlungsverhalten der Jungvögel zurück. Typisch sind seine schwarzen Bartstreifen und der dunkle Hinterkopf. Sein Gefieder ist an der Oberseite graubraun. An der Unterseite ist es hell und mit dunklen Querbändern durchzogen. Die dunklere, bräunliche Färbung der Jungvögel ist weniger auffällig. Das schützt sie nicht nur vor Fressfeinden, sondern auch vor innerartlicher Konkurrenz bei der Durchquerung von Revieren der Altvögel. Das ausgewachsene Weibchen ist etwa bussardgroß. Der Terzel ist um ein Drittel – also eine Terz – kleiner. Die schnellen Stoßflugjäger erbeuten Vögel von kleiner und mittlerer Größe.

Schadstoffe

Als Greifvogel gilt auch der Wanderfalke als ein Indikator für Umweltbelastungen durch langlebige Schadstoffe oder Schwermetalle. Insbesondere die intensive land- und forstwirtschaftliche Verwendung von Insektiziden wie DDT, die chlorierte Kohlenwasserstoffe enthielten, ab den späten 1940er Jahren hatte in den folgenden Jahrzehnten weltweit zu erheblichen Einbrüchen der Wanderfalkenbestände geführt. Denn das fettlößliche Kontakt- und Fraßgift reichert sich über die Nahrungskette in Beutetieren an. Bei Wanderfalken führt es zu Störungen der Reproduktion: Eier werden so dünnschalig, dass sie bei der Bebrütung zerbrechen. Zudem sterben die Embryonen bei zu hoher Schadstoffbelastung ab. Nicht nur in Thüringen beschleunigte dies den Rückgang der ohnehin bedrohten Art. Viele Regionen der nördlichen Hemisphäre waren von diesen Entwicklungen befroffen.

Besorgte Ehrenamtler kontrollierten deshalb ab 1954 die Bestände der Wanderfalken in Thüringen. Waren in jenem Jahr noch acht Thüringer Brutplätze bekannt, sank diese Zahl bis 1966 auf zwei. Seit 1971 gab es schließlich keine Brutnachweise mehr. In der DDR galt die Art bald als ausgestorben.

Angesichts der generellen Umweltbelastungen durch chlorierte Kohlenwasserstoffe zog die Politik in vielen Ländern Konsequenzen. In der Bundesrepublik erfolgte das Verbot der Ausbringung von DDT 1972 sowie ab 1977 auch das seiner Herstellung und seines Vertriebs. Auch in der DDR wurde es nach und nach verboten.

Zucht- und Auswilderungsprogramme

Ab den späten 1970ern entstanden Initiativen zur Aufzucht von Wanderfalken mit dem Ziel der anschließenden Auswilderung. In den verwaisten Thüringer Brutarealen kam es dadurch ab Mitte der 1980er Jahre zu ersten Wiederansiedlungen. Diese Tiere entstammten überwiegend den Auswilderungsprojekten in Nordbayern und Nordhessen.

Wanderfalken in Thüringen
Das erste Brutpaar nistete 1985/86 am Falkenstein im Schmalwassergrund bei Tambach-Dietharz. Jahre zuvor befand sich hier auch das letzte Brutareal. Weitere Brutplätze wurden nach und nach in weitestgehend umgekehrter Reihenfolge wieder besiedelt, in der sie verlassen worden waren.

Begleitet wurde die Ansiedlung durch den Arbeitskreis Wanderfalkenschutz e. V. (AWS). So wurden Nisthilfen angebracht und vor Unwetter und Mardern gesichert. Denn Wanderfalken bauen keine eigenen Nester. Die Beringung von Tieren ermöglichte ein Monitoring der Bestandsentwicklung und des Ansiedlungsverhaltens. Durch Art- und Biotopenschutzmaßnahmen verbesserte sich die Lage der Art in Thüringen während der letzten Jahrzehnte:

  • 1990 in Kategorie 1 vom Aussterben bedroht
  • 2002 in Kategorie 2 stark gefährdet
  • 2010 nicht mehr in der roten Liste gefährdeter Arten geführt

In und um Thüringen gibt es beispielsweise stabile Populationen im Harz, im Thüringer Wald und im Elbsandsteingebirge. Dass es dazwischen auch weite wanderfalkenfreie Gebiete gibt, hängt auch mit dem geschlechtsabhängigen Abwanderungsverhalten der Tiere zusammen. Das Weibchen strebt zur Fernansiedlung, wohingegen der Terzel sich weniger weit von seinem Herkunftsort entfernt. Was für die genetische Vielfalt der Art sehr nützlich ist, führt andererseits dazu, dass die Weibchen mancherorts keinen Brutpartner antreffen.

Störfaktoren

Auch ohne die schweren Belastungen durch Insektenschutzmittel und Schwermetalle war der Wanderfalke in Thüringen ab Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund der Überalterung der Population gefährdet. Neben natürlichen Einflüssen durch Krankheiten, Parasiten, Fressfeinde, Nahrungs- und Brutplatzkonkurrenten gilt der Mensch nach wie vor als Gefahr für den Wanderfalken.

Der erwähnte Falkenstein ist nicht nur ein Brutareal des Wanderfalken, sondern auch der höchste freihstehende Kletterfelsen Thüringens. Teilweise wurde daher das Klettern während der Brutzeit verboten. Der AWS leistete Aufklärungsatbeit. Mit Klettersporlern konnten so Absprachen getroffen werden.

Doch Störungen gingen nicht nur von Felskletterern und Wanderern aus. Beispielsweise der Verkauf von gestohlenen Eiern oder Jungvögeln war ein gewinnbringendes Geschäft. Einzelne Schutzprogramme des AWS umfassten deshalb auch die Bewachung von Horsten.

Wie so oft ist die Frage nach Störfaktoren auch eine Frage der Perspektive. So ist der ‚Störfaktor Wanderfalke‘ für Taubenzüchter ein erhebliches Problem. Zwar greifen Wanderfalken bevorzugt ältere oder geschwächte Tiere an. Doch können Taubenzüchter die eigenen Tiere auch durch die Kontrolle ihres Freigangs kaum schützen. Vereinzelt kam es in den letzten Jahren zu Vergiftungen von Wanderfalken durch Brieftauben. Kriminelles Vorgehen dieser Art wird belangt. Der Wanderfalke unterliegt dem Bundesjagdgesetz, wird aber – wie andere Greifvögel – durch eine ganzjährige Schonzeit geschützt.

Auch die Uhupopulation Thüringens hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erholt und ist stetig gewachsen. Uhus sind selbst weiblichen Wanderfalken in ihrer Körpergröße überlegen. Da der Uhu nicht nur ein Brutplatzkonkurrent, sondern auch ein Fressfeind ist, sind gescheiterte Bruten bei Wanderfalken heute beispielsweise auch auf Uhuangriffe zurückzuführen. Solange sich beide Bestände erholen, scheint das für Thüringen unbedenklich.

Wanderfalkenvorkommen in Thüringen

Heute sind wieder über 50 Brutpaare im Gebiet des Freistaats ansäßig. Der Thüringerwald gilt wieder als das Kerngebiet der Wanderfalkenpopulation Thüringens. Im wesentlichen sind die Tiere in der Region Felsbrüter. Doch gibt es eine steigende Tendenz zum Nisten an Brücken, Kirchen oder Schornsteinen.

Ein Beispiel für an Gebäuden brütende Wanderfalken in Thüringen ist Mühlhausen. 1997 wurde hier erstmals ein Nistkasten im Nordturm der Marienkirche von den Tieren angenommen. Seither brüteten regelmäßig Wanderfalken im Zentrum Mühlhausens – teils unter Ausweichung auf die Divi Balsii Kirche oder die Jacobikirche.

Jena Wanderfalken im Saaletal
Die beiden Schornsteine der TEAG in Jena-Winzerla sind sicherlich nicht der schönste Teil des Stadtbildes. Auch deshalb waren sie in der Vergangenheit wiederholt ein Politikum.

Die Höhe der Schornsteine auf dem Gelände des Heizkraftwerks der heutigen Thüringer Energie AG in Jena – 225 und 180 Meter – sollte ursprünglich die Luftverschmutzung im Talkessel veringern. Als Sturzflugjäger können Wanderfalken von hier das Saaletal überblicken. Auf dem Gelände sind sie zudem weitestgehend vor Fressfeinden und menschlicher Störung geschützt. An einem der Schornsteine erfolgte 2006 – nach Einrichtung einer Nisthilfe in ca. 45 Meter Höhe – eine erste erfolgreiche Brut mit drei Jungvögeln. Seither nisten hier Wanderfalken.

Da der Schornstein Anfang der 1970er Jahre erbaut wurde und nicht mehr in Betrieb ist, liegt der Abriss nahe. Andernfalls wären sicherlich mit der Zeit teure Instandhaltungsmaßen erforderlich. Die Abrissgenehmigung des großen Schornsteins erfolgte deshalb unter der Auflauge, zwei neue Nisthilfen auf dem Gelände anzubringen. Eine davon wurde bereits von Turmfalken angenommen. In Mühlhausen wichen die Tiere während der Baumaßnahmen an der Marienkirche auf andere Gebäude aus. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Wanderfalken im Saaletal zu anderen Brutplätze wechseln werden.

Literatur

Schippel, Stefan: „15 Jahre Wanderfalkenvorkommen in Jena“ Vortrag der Fachgruppe Ornithologie NABU Kreisverband Jena am 07.02.2019 in Jena.
Kleinstäuber, Gert/ Hoffmann, Mario: 20 Jahre Artenschutzmanagement und Forschungsarbeit für den Wiederaufbau der Wanderfalkenvorkommen in Thüringen, In: Anzeiger des Vereins Thüringer Ornithologen, Bd. 6, H. 1 (2008), S. 108.
Kleinstäuber, Gert: Die Rückkehr des Wanderfalken nachThüringen, in: Naturschutz in Thüringen – Strategien, Konzepte, Projekte. Jena 1994, S. 240-246.
Rockenbauch, Dieter: Der Wanderfalke in Deutschland und umliegenden Gebieten. Bd. 1 Verbreitung, Bestand, Gefährdung und Schutz. Ludwigsburg 1998.
Schauka, Frank: Wanderfalken mit vergifteten Brieftauben in Thüringen getötet, in: TA, 02.03.2018, 04:15 Uhr.
Uneingeschränktes DDT-Verbot erst ab 1976. Entwicklung von Ersatzpräparaten erfolgversprechend, in: Deutsches Ärzteblatt Bd. 70, H. 4 (1973), A-231.
Weise, Ralf: 20 Jahre erfolgreiche Wanderfalkenbruten in Mühlhausen, in: Mühlhäuser Beiträge, hrsg. vom Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein. H. 41. Mühlhausen/ Th. 2018. S. 45-51.