Es muss nicht immer eine Weltreise sein

Der junge Filmemacher und Ökologe David Cebulla möchte mit seinen Webdokus beim Zuschauer die Lust auf eigene Erfahrungen in der Natur anregen. In seinem preisgekrönten Dokumentarfilm „Verborgene Schönheit. Die Orchideen des Saaletals“ – einer Naturdoku aus Thüringen – verbindet er Umweltbildung mit einem ästhetischen Anspruch. Er verriet, wie früh er für seine Zeitraffer aufsteht und was Thüringen für ihn als Naturfilmer interessant macht.

Naturdoku Thüringen © David CebullaTypisch für David Cebullas Filme sind durch Kameraslides bewegte Zeitraffer von Sonnenauf- und -untergängen. (© David Cebulla)

Die Suche zu beliebten Natur-Hashtags auf Instagram zeigt vieles: spiegelglatte Bergseen, reißende Wasserfälle und schneebedeckte Bergmassive. Spätestens beim Blick aus einem holzverkleideten VW-Bus über eine atemberaubende ferne Landschaft kommt beim Scrollen Fernweh auf. Doch wer wird denn deswegen angesichts der heimischen Landschaft gelangweilt zuhause bleiben?

Naturdoku aus Thüringen von David Cebulla
David Cebulla ist als Filmautor und Protagonist in „Verborgene Schönheit“ auf der Suche nach den Orchideen des Saaletals. (© David Cebulla)

Das nahe Rauschen eines Waldes ist zu hören. Ein junger Mann mit vom Wind verwehtem Haar hebt ein Fernglas an die Augen. Dazu setzt ein Streichorchester ein, das durch die schnellen Achtel eine gewisse Spannung vermittelt. Aus dem Off beschreibt David Cebulla sein Vorhaben:

„Das bin ich, David. Und ich bin auf der Suche nach einigen der seltensten und schönsten Pflanzenarten Deutschlands: eine Expedition direkt vor meiner Haustür auf der Suche nach den Orchideen des Saaletals.“ (David Cebulla)

Abenteuer Heimat – eine Naturdoku aus Thüringen

Im Unterschied zur klassischen Naturdokumentation mit einer nüchternen und anonymen Stimme aus dem Off tritt David selbst als Protagonist seiner Doku-Reihe auf. Bei Moderationen spricht er direkt in die Kamera. Aus der deutschen Natur- und Abenteuerszene des Doku-Genres ist diese moderne Art der (scheinbaren) Interaktion mit dem Zuschauer beispielsweise durch Andreas Kieling oder Benjamin Jaworskyj bekannt. Von beiden sieht sich David inspiriert. „Ich habe zwei Jahre für Andreas Kieling gearbeitet und würde ihn auf jeden Fall als großen Einfluss sehen.“

Daneben orientiert sich der junge Thüringer an der Machart kürzerer Formate, die speziell für das Internet produziert werden, sogenannten Vlogs: „Da könnte ich Jon Olsson nennen, der einen wirklich fantastischen Kameramann und Cutter hat.“ Das Beispiel verweist auf anspruchsvoll und aufwändig umgesetzte Videos. So kommen in Olssons Vlogs neben Gimbal-, auch Actionkamera- und Drohnenaufnahmen zum Einsatz. Schnitt und Nachbearbeitung sind hier ebenfalls qualitativ hochwertig. „Das sind typische Webformate, von denen sich auch einige Komponenten in meinen Filmen wiederfinden.“

Eine Naturdoku aus Thüringen: „Verborgene Schönheit. Die Orchideen des Saaletals“ wurde 2017 veröffentlicht und ist auf Amazon Prime verfügbar.

Die wohl aufwändigste Sequenz in „Verborgene Schönheit“ ist ein Zeitraffer der Milchstraße. „Insgesamt bedarf das einer sehr komplexen Vorbereitung, vor allem aus organisatorischer, aber auch aus technischer Sicht. Auch gibt es nicht so viele Chancen, die Milchstraße zu fotografieren.“ Mit dem Dreh habe er so früh begonnen, dass es sich nicht gelohnt habe, überhaupt ins Bett zu gehen. „Ein Nachtdreh ist auch immer anstrengend. Am Ende hat man dann sechs Sekunden Material. Darin stecken sehr viele Stunden Dreh und auch viel Zeit in der Nachbearbeitung.“

David Cebulla Naturdoku Ein Sneak Peak in den zweiten Teil der Webdoku-Reihe – eine weitere Naturdoku aus Thüringen (© David Cebulla)

Aus Liebe zur Natur und zum Medium

Filmisch hält „Verborgene Schönheit“ großartige Makroaufnahmen seltener Orchideen bereit sowie Kameraslides, Tiefenschärfeverlagerungen und mehrere Zeitraffer von Sonnenauf- und -untergängen. Die mit einem Sonderpreis ausgezeichnete Bildgestaltung fällt beispielsweise durch die sommerlich warme Farbgebung auf. Auch das Sounddesign und die Musikauswahl geben dem Film einen cineastischen Charakter. Denn die intensive Orchestermusik unterstreicht die Erhabenheit der Bilder oder verleiht ihnen eine besondere Dramatik. Der Harmonie zwischen Bild und Ton ist anzumerken, dass der Filmautor auch Musiker ist und selbst Songs produziert.

Auf internationalen Festivals fand die Naturdoku aus Thüringen große Anerkennung. Zuletzt wurde sie auf dem International Open Film Festival 2019 in den USA als bester Film der Kategorie Natur/ Umwelt/ Wildtiere gekürt. Doch auf die Frage nach den schönsten Momenten seines filmischen Schaffens, antwortet David sofort: „Das ist definitiv das Draußensein und das Filmen!“ Die Webdoku „Verborgene Schönheit“ ist also vor allem eins: authentisch in ihrer Motivation. Wir folgen einem Filmemacher, der Biologie studiert hat, der selbst Outdoorsport ausübt und den die eigene Liebe zur Natur und zum Medium antreibt:

„Meine Leidenschaft ist es, Geschichten aus der Natur zu erzählen, komplexe Sachverhalte zu vermitteln und dabei habe ich einen großen ästhetischen Anspruch, den ich verwirklichen will.“ (David Cebulla)

Die größte Herausforderung bei der Realisierung seiner Herzenspojekte sei die Finanzierung. „Bei „Verborgene Schönheit“ war ich in der Luxussituation, den Film produzieren zu können, auch in dem ich sehr sehr viel an eigener Zeit in das Projekt gesteckt habe.“ Diese Eigenproduktion belief sich auf einen fünfstelligen Betrag. „Das ist meistens der Punkt, an dem ein Projekt entweder verwirklicht wird oder eben wieder in der Schublade landet, weil sich keine Finanzierung findet.“

„Die Fragilität der Natur“

Orchideen gelten als Luxuszierpflanzen. Studiengänge mit hoher Spezialisierung werden von Kritikern als Orchideenfächer belächelt: aufwändig, schön, aber nutzlos. Doch ist „Verborgene Schönheit“ in diesem Sinne eine Orchideen-Doku? Oder geht es um mehr?

„Offensichtlich und vordergründig geht es erst einmal „nur“ um Orchideen. Gleichzeitig stehen diese seltenen Pflanzen exemplarisch für die Fragilität der Natur insgesamt. Und das muss jetzt gar nicht diese eine streng geschützte und bedrohte Orchidee sein. Das ist austauschbar mit unterschiedlichen Pflanzen-, aber auch Tierarten, die durch die menschliche Lebensweise, durch veränderte Landnutzungsformen, durch den Klimawandel bedroht werden. Deswegen stehen die Orchideen stellvertretend für die Natur, die es zu schützen und zu pflegen gilt.“ (David Cebulla)


Orchideendoku aus Thüringen © David CebullaDas Brandknabenkraut ist hochgradig gefährdet. Seine zierlichen Blüten sind nur wenige Millimeter groß. (© David Cebulla)

„Verborgene Schönheit“ sei für Orchideen-Liebhaber im Besonderen und für Naturliebhaber im Allgemeinen. Indem David die Natur seiner Heimatregion zeigt, möchte er zu eigenen Naturerlebnissen motivieren: „Es muss nicht immer eine Weltreise sein.“

Naturfilm aus Thüringen

Das Saaletal um Jena ist für seinen bemerkenswerten Orchideen-Reichtum bekannt. Die Wahl des Themas hat für David auch einen persönlichen Hintergrund: „Durch meine Eltern hatte ich schon immer Berührungspunkte. Sie sind Orchideen-Freunde und kennen viele der doch sehr versteckten Orte hier um Jena und im Saaletal.“ Das habe ihm auch das Location-Scouting und die Recherchearbeit sehr erleichtert.

„Hier weiß ich, wo der Waschbär nachts trinkt.“

David Cebulla steht kurz vor der Veröffentlichung des zweiten Teils seiner Webdoku-Reihe. Dieser wird die Geschichte und den Naturraum der Drei Gleichen zum Gegenstand haben. Das Burgen-Ensemble in der Nähe von Gotha und Erfurt habe eine sehr interessante Geschichte. Filmisch sind dynamische Bilder, Drohnenaufnahmen und Animationen angekündigt. „Ich versuche, immer wieder neue Techniken in meine Filme einzubauen.“ Auch der dritte noch geheime Teil der Webdoku-Reihe soll eine Naturdoku in Thüringen werden. Tatsächlich postet der Filmemacher aus Jena auf Instagram auch unter dem Hashtag #FilmlandThüringen. Der dokumentarische Videoclip „Into the Battle“ – gedreht während einer Nachstellung der Schlacht bei Jena/ Auerstedt 1806 – ist ein weiteres Beispiel für eine Arbeit mit Thüringen-Bezug. Für die Friedrich-Schiller-Universität Jena produzierte er einen humoristischen Imagefilm des Ökologie-Masters (Evolution, Ecology and Systematics).

„Thüringen ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen und hier kenne ich einfach super viele Orte und Locations. Manche Wälder hier kenne ich in- und auswendig. Dort weiß ich, wo ein Fuchsbau ist und wo der Waschbär nachts trinkt.“ (David Cebulla)

Es sei vor allem die Vielfältigkeit der Landschaft, die ihn fasziniere – mit ihren großen Wäldern, den Muschelkalkhängen, besonderen Trockenrasen, Bergen, Tälern, großen Plateaus und weiten Wiesen. „Es gibt viel zu entdecken. Das ist zumindest, was ich als Filmemacher an Thüringen interessant finde.“